Sagt meiner Mutter nicht, ich wäre Deepfaker*

Seit dem 2. August besteht laut EU AI Act eine Kennzeichnungspflicht für per KI hergestelltes Bewegtbild, wenn denn eine Zuschauerin die dargestellten Inhalte mit der Realität verwechseln könnte. 

Ich habe überhaupt nichts gegen EU Regulierung, ich verbitte mir auch dämliche Witze darüber, dass die EU reguliert, wie gerade Gurken sein müssen (das tut sie wirklich) oder daß Deckel an Sprudelflaschen fixiert werden müssen, während andere Nationen Raketen bauen (der größte populistische Whataboutismus-Vergleich den ich je gesehen habe) etc Bla-Bla – ich halte die Nicht-Regulierung vieler mieser Dinge in anderen Teilen der Welt für ein deutlich größeres Problem. Aber hier hat die EU im Kern ihrer Regulierung einen Begriff etabliert, der da in dieser Form nichts zu suchen hat: Zu kennzeichnen seien nämlich „Deepfakes“. Klingt nach Christian Ulmen, DeepState, DiepStahl, nicht consensueller Pornographie, Alte Omis abzocken und so weiter, oder? Yep, das alles, und noch viel mehr. 

Was in Dreiteufelsnamen hat dieser Begriff im Herzen des EU AI Acts zu suchen? Haben wir’s nicht auch ´ne Nummer kleiner? Welcher übereifrige AI Hasser hat das denn da bitte eingeschmuggelt? Stellt euch vor, man hätte 1995 reguliert, dass alles, was mit Photoshop bearbeitet wird, mit dem Label „Mit Betrugs-Software manipuliert“ versehen werden müsse. Das hilft doch niemandem, ausser vielleicht denen, die glauben, sie könnten den Siegeszug von generativer AI zumindest in unserem kuscheligen Europa noch so lange hinauszögern, bis sie in Rente gehen dürfen. Zumal die Regulierung dann auch noch sich weigert, a) präzise und alltagstauglich zu definieren, was denn wirklich ein Deepfake ist und b) allen dieselben Labels an die Hand zu geben, mit denen sie kennzeichnen sollen, so dass zumindest diese Arbeit uns, den Werbeagenturen, und am Ende den Rechtsabteilungen der Auftraggeber erspart bliebe. Nada, nix. Insgesamt ein echter Schuss in den Fuß.

Wie kommen wir da raus? Erstens, indem wir als Produktionen uns nicht die alleinige Verantwortung dafür umhängen lassen, dieses Gesetz umzusetzen, was einem als letztes Glied in der Dienstleisterkette aus Kunde-Agentur-Produktion ja gerne mal passiert. Wir tun vielmehr das, was wir sowieso saubererweise auch ohne EU AI Act machen würden: wir informieren unsere Kunden vorab über das, was wir mit KI veranstalten, aber wir lassen uns keine Rechtsberatungspflicht umhängen, denn entscheiden und kennzeichnen müssen am Ende die Auftraggeber selber. So wie in der Arzneimittel-Werbung eben auch, nicht unser Bier. 

Ich fürchte, da müssen wir jetzt alle gemeinsam durch, bis in ein paar Jahren ein paar Gerichte und vielleicht gnädigerweise auch mal die EU selber sich da ein wenig besser präzisiert haben. Bis dahin müssen wir halt weiter unseren Müttern erzählen, wir wären Bordellpianisten, aber beileibe keine Werber oder Deepfaker.**

*Nicht, weil es mir peinlich wäre, sondern weil ich keine Lust hätte, ihr das zu erklären. Kann mir ja schon keiner erklären was das sein soll. Und was daran so deep sein soll auch nicht.

**Jaques Séguéla, 1979: „Ne dites pas à ma mère que je suis dans la publicité… elle me croit pianiste dans un bordel“.

2 Kommentare zu „Sagt meiner Mutter nicht, ich wäre Deepfaker*

    1. Ha! Du wirst lachen: Ich habe zum ersten Mal einen Blogeintrag in Gemini reindiktiert und mich mit Gemini drüber unterhalten. Ich hatte eigentlich eine andere Analogie zur doofen DEEPFAKE Terminologie vor Augen gehabt – irgendwas mit Warnlabels auf PIXAR-Filmen – aber die Analogie zu Photoshop & der konkrete Warnhinweis „Betrugssoftware“ kamen ungefragt von Gemini und waren tatsächlich besser. Alles andere ist natürlich komplett auf meinem Mist gewachsen, nix davon tiefengefälscht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert