Let’s stay linear, please.

Ich beobachte in letzter Zeit ständig, dass Leute uns den Einsatz von AI beim Filmemachen als etwas grundsätzlich Neues und kategorial anderes schmackhaft machen wollen. Das hat die arme AI aber weder nötig noch verdient. Jüngstes Beispiel: Eine Virtual-Production-Pipeline für eine MOSES-Serie mit Ben Kingsley, die die Zuspieler für die LED-Screens mit GenAI erzeugt und AI als MoCap-Tool einsetzt. Das ist alles sehr beeindruckend, aber ist es auch ein wirklicher Paradigmenwechsel?

Ein Beispiel: Der Editor fragt am Set nach einem weiteren Shot und bekommt ihn ruckzuck gedreht. Das verkauft uns der Produzent Jon Erwin von Wonder mal auf die Schnelle als „Non-Lineares Filmemachen“. Haben wir’s nicht auch eine Nummer kleiner? Wenn sowas geht, ist ja gut und schön. Aber als neues Paradigma führte das doch, wenn man es wirklich ernst nimmt, schnurstracks in die Apokalypse, wenn der Editor, meinetwegen auch der Regisseur selbst, erst beim Drehen entscheidet, welche Shots er/sie noch so braucht.

Darüber hinaus gab es diese spezielle Option doch beim linearen Realdreh auch schon immer: Was hat denn einen Regisseur am Set davon abgehalten, sich beim traditionellen Dreh eine weitere Einstellung auszudenken und schnell noch mitzudrehen? Ganz sicher nicht die Tatsache, dass er keine AI oder keine LED-CAVE hatte. Bottom Line: Das hat mit Non-linearem Filmemachen nix zu tun, das ist einfach Wichtigtuerei, pardon my French.

Ich erwähne das eigentlich nur, weil ich das selbst zu Anfang immer so verkauft habe und in Keynotes den traditionellen Ansatz einem neuen AI-Ansatz gegenübergestellt habe, in dem immer so ein schicker Kreis aus Feedback – Iteration – Optimierung – Feedback etc. zu sehen war. Hätte ich eigentlich auch „Non-linear Filmmaking“ drüberschreiben können. Ist aber Quatsch.

Was hat sich denn jetzt wirklich verändert beim AI-Filmemachen? Hier kommt der entscheidende Punkt: Man muss sich Dreharbeiten mal als unverzichtbaren Entscheidungsfindungs-Katalysator vorstellen und den Weg dahin, die Preproduktion, und den Weg danach, die Postproduktion, als komplexe Kette von aufeinander aufbauenden Entscheidungen.

  • (Prepro): „Wir müssen uns bis morgen für einen Darsteller entscheiden, damit wir in 14 Tagen jemanden am Set haben, mit dem wir drehen können.“
  • (Dreh): „Die Einstellung müssen wir jetzt genau so drehen, damit die Story so funktioniert, wie wir sie gescriptet und geboardet haben.“
  • (Post): „Die Einstellung haben wir genau so gedreht; zwar in 15 Varianten, aber eben genau so wie geboardet. Das ist unser Set an Optionen für den Schnitt, wir müssen uns für eine entscheiden, damit wir vom Schnitt in die Online weitergehen können.“

All das ist linear/unidirektional in dem Sinne, dass jede Entscheidung auf den vorangegangenen Entscheidungen aufbaut und dass der Weg zurück zum Anfang als Option ausgeschlossen ist. Dieser lineare Workflow ist entstanden, weil er einen gut händelbaren Rhythmus von Offenheit/Iteration und zu treffenden Entscheidungen etabliert, der das Vorwärtskommen beim Herstellen eines Films überhaupt erst möglich macht; und der zugleich eigentlich so simpel ist, dass er selbst Filmfremden leicht und schnell erklärbar ist:

  • Iteration/Offenheit PITCH: Regie interpretiert das Agenturskript.
  • Entscheidung: Vor Auftrag wird entschieden, welche Änderungsvorschläge von der Regie umgesetzt werden sollen.
  • Iteration/Offenheit PREPRO: Regie löst den Film in eine Shotlist auf; schlägt Location-Optionen, Styling-Optionen, Besetzungsoptionen vor.
  • Entscheidung: PPM verabschiedet Shotlist, Locations, Styling, Besetzung.
  • Iteration/Offenheit DREH: Regie dreht Varianten der Shotlist, verbessert, optimiert.
  • Entscheidung: Kunden nehmen Einstellungen und Shots am Dreh ab.
  • Iteration/Offenheit POST: Schnittvarianten; VFX-Versionen; Vertonung etc.
  • Entscheidung: Schnittabnahme, Online-Abnahme.

Die Linearität, die Unidirektionalität – wenn der Hauptdarsteller einmal besetzt ist, dann gibt es da kein Zurück mehr – ist dabei gar kein technisches oder kreatives Naturgesetz, sondern eine wirtschaftlich-logistische Notwendigkeit: Natürlich KÖNNTE man auch nach 3 Drehtagen noch den Hauptdarsteller umbesetzen. Francis Ford Coppola hat APOCALYPSE NOW auch mit Harvey Keitel als Hauptdarsteller begonnen und ihn nach zwei Wochen gegen Martin Sheen ausgetauscht. Kein Wunder, dass der ganze Spaß am Ende 30 Mio statt der kalkulierten 12 Mio gekostet hat. Aber die logistischen Konsequenzen und letztlich die Kosten einer solchen Entscheidung sind halt derart massiv, dass ich als Producer schon beim Lesen dieser Geschichte feuchte Hände bekomme.

Und jetzt kommt’s: Die Notwendigkeit für einen Dreh ist wegen generativer AI auf dem Weg, zu verschwinden. Klingt erstmal super! Weniger Kosten, weniger Aufwand, mehr Freiräume etc. Was aber nicht verschwinden wird, ist die Notwendigkeit für kreative Entscheidungen; sie wird eher größer werden, zum einen, weil mehr Iterationen möglich sind und weil es zum anderen noch viel zu wenig Profis gibt, die bei der kreativen Entscheidungsfindung helfen. Und ich meine Helfen im Sinne von „Vorfiltern“, nicht im Sinne von „noch tausend Optionen anbieten, die alle Mist sind“. Was wir mit einem DP oder einem Production Designer verlieren, wenn wir stattdessen irgendeinen „Ai Artist“ beschäftigen ist doch genau das: Daß uns jemand mit der Unendlichkeit von miesen Möglichkeiten verschont und uns die paar Optionen anbietet, die wirklich gut sind. Aber das kriegen wir schon in den Griff.

Viel wichtiger ist, dass die Notwendigkeit für die Einbindung von Kunden und Agenturen in die Entscheidungsfindung damit nicht verschwunden ist. Sie hat sich vielmehr vom Dreh losgelöst und wabert jetzt wie eine dunkle Wolke über dem gesamten AI-Filmherstellungsprozess und ergießt sich in gefühlt täglichen PPMs und Abstimmungsrunden. Dafür muss ganz schnell eine Lösung her, und die kann nicht sein, dass man jetzt das glückselige Zeitalter des Non-linearen Filmemachens ausruft. Im Gegenteil: Weil uns mit dem Dreh ein wichtiger linearer Entscheidungskatalysator abhanden gekommen ist, müssen wir neue lineare Prozesse etablieren, damit wir nicht Gefahr laufen, die Potenziale von AI zu verspielen.

Wir sollten den Anspruch an Linearität also nicht aufgeben, wenn wir nicht in Teufels Küche kommen wollen, jedenfalls nicht, solange der Kontroll- und Mitwirkungsanspruch von Kunden & Agenturen derselbe bleibt – und ich habe da so eine Ahnung, wie viel Potenzial dafür besteht, dass der sich ändert. Sag ich aber nicht.

Nennt mich Oldschool, aber mir fällt dazu nichts Besseres ein, als bis auf Weiteres so zu tun, als wäre AI-Filmmaking eben nichts anderes als Filmmaking, und als bedürfe es deshalb auch weiterhin derselben Abstimmungsprozederes. Auch wenn LinkedIn voll ist mit „guck mal, was ich in 5 Minuten für 5 Euro gemacht habe“, wird es dabei bleiben, dass der Weg hinter eine einmal getroffene Entscheidung zurück geradewegs in die tiefste Hölle führt, oder um es mit weniger Schaum vor dem Mund auszudrücken: zu Mehraufwand und ergo Mehrkosten, und das für alle Beteiligten. Und das kann man auch so formulieren ohne als Spielverderber rüberzukommen.

Soll heißen: In der Preproduktion stimmen wir Casting, Styling, Locations und Shotlist ab. Dann erzeugen wir, wenn wir denn in einem 100%-AI-Workflow sind, Stills/Keyframes, die wir abnehmen lassen, und zwar verbindlich. Und erst dann animieren wir diese Keyframes mit AI, und lassen uns auf Basis dieser animierten Frames einen Schnitt abnehmen, den wir dann endfertigen. Klingt total simpel, ist es aber erst dann, wenn man es hundertmal allen vorgetanzt hat und alle gesagt haben: „Ja, so machen wir das“ – und wenn keiner mehr nach der Online sagt: „Meine Frau hat das gestern angeschaut und gefragt, ob der Darsteller nicht einen Ferrari statt eines Motorrads fahren könne, mit AI geht das doch jetzt alles ganz einfach.“

PS: Wir müssen uns als Filmemacher natürlich auch selber am Riemen reißen und nicht rumtrompeten, jetzt wäre grundsätzlich alles für gar kein Geld möglich. Analog zu Ockhams Rasiermesser, das wir ja alle aus der Philosophie als heuristisches Prinzip kennen („Entitäten dürfen nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden“), formuliere ich abschließend mal für die Filmherstellung Paulys Rasiermesser: „Wenn es keinen grundsätzlich zu erwartenden Zugewinn gibt, dann soll man nicht mutwillig die Welt mit Iterationen zuballern.“ Und schon gar nicht – Paulys Rasiermesser Teil 2 – soll man das der Welt als Non-lineares Filmemachen verkaufen, bitteschön, dankeschön.

PPS: Ich weiß, dass es bei einigen Regisseuren und visionären Produzentinnen den Ansatz gibt, die ganze Workflow-Architektur der Werbung einreißen zu wollen, weil AI ja jetzt ganz andere Dinge ermögliche. „Ihr habt das als Medium nicht verstanden! Das ist dafür gar nicht gebaut.“ höre ich sie verzweifelt rufen. Ich glaube, dass diese Menschen sich über ihre eigenen Motive täuschen und dass sie Ursache und Wirkung verwechseln. Zu ihren eigenen Motiven gehört oft genug der nur allzu verständliche Überdruss am immer irgendwie zu engen Korsett des Filmemachens unter Werbebedingungen – ahnungslose Kunden, Agenturkreative, die sich für die besseren Regisseure halten etc. Darum haben sie eine diebische Freude an AI, weil sie glauben, mit deren Hilfe das ganze System verbessern, überwinden oder gar in die Luft jagen zu können.

Aber dieses System wird nicht mit einem neuen Medium oder Tool verschwinden. Man könnte genauso gut argumentieren, das heilige Medium FILM wäre auch nicht für die Werbung geschaffen worden, es könne doch so viel mehr, wenn man uns doch nur ließe etc. pp. Das Problem ist aber nicht das Medium, unsere Tools, das Problem sind die Gegebenheiten, die Konstellationen, in denen wir arbeiten. Und aus denen wird uns keine AI-Pipeline dieser Welt befreien, sorry für die schlechten Nachrichten, liebe Utopisten.

Der wahre Zugewinn ist aus meiner Sicht, dass man mit AI Dinge umsetzen kann, die vorher nicht möglich waren. Ich finde, es gibt schon genug zu tun damit, diesen Vorteil auszuschöpfen – da sind wir noch ganz am Anfang. Wenn wir uns dabei aus utopischen, aus marktschreierischen oder aus Entscheidungsunwilligkeitsgründen von der Linearität von Entscheidungen verabschieden, werden wir stattdessen im Treibsand ewiger Feedbackschleifen versinken.

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