Create Less Drama

Wer mag sie nicht, die Werbung für den Young Directors‘ Award! Bei der Polizeikontrolle sagt das Mädchen auf dem Rücksitz zum Polizisten: „That’s not my Mommy“ und zeigt ein selbstgemaltes HELP! – Schild. Der Polizist tritt zurück und sagt zur nichtsahnenden Frau am Steuer: „Step out of the car, Madam!“ Das Mädchen grinst in die Kamera. Slate: „Born To Create Drama. Young Directors’ award.”

Leider haben sich das jenseits der Regie auch diverse andere Departments zu sehr zu Herzen genommen – manchmal ist da draußen einfach zu viel Drama.

Hörte neulich jemanden aus der Tech Branche sagen „Und wenn das nicht klappt, dann müssen wir das eskalieren.“Toll. Neue Vokabel für mich, allein schon deswegen toll. Erst recht aber das Konzept dahinter: nichts eskaliert von allein, nichts von dem, was ich tue, trägt absichtlich zu einer Eskalation bei, es sei denn, es geht nicht anders. Dann aber entscheide ich mich bewußt dafür. Oder anders gesagt, mein default ist NON-DRAMA; DRAMA gibt’s erst dann, wenn es wirklich sein muss, und wenn alles andere nicht geholfen hat.

Das ist ja leider bei uns, mich eingeschlossen, nicht immer so. Im Gegenteil, es gibt genug Freunde des filmproduzierenden Gewerbes, die das Drama LIEBEN. Die es anziehen, es befeuern wo es nur geht. Aus Langeweile, aus Unterforderung, aus Überforderung, oder einfach nur weil sie nichts anderes gelernt haben.

Oder gar weil sie sich vor Arbeit drücken wollen. Ich hatte mal einen Herstellungsleiter, der immer & grundsätzlich überdramatisiert hat. „Das stellst du dir so einfach vor, was? Aber in WIRKLICHKEIT IST DAS IRRE AUFWENDIG WEIL erstens, zweitens, drittens“. Und ich hab zu Anfang immer noch gedacht, ich hätte die wahre Tragweite meiner Ideen tatsächlich unterschätzt. Am Ende hatte ich eher den Eindruck, dass er grundsätzlich überdramatisiert hat, zur Abschreckung gewissermaßen, damit er weniger Arbeit mit mir & meinen Einfällen hatte.

Full Disclosure: Habe mich selbst mal ertappt wie ich Drama kreiert und ein Projekt tatsächlich beinahe in die Katastrophe geschubst habe (meine Ausrede: das ist seeeehr lange her…):

Kunde und Agentur haben am Drehort in Südafrika sich so unkooperativ verhalten, dass wir einen zusätzlichen, nicht kalkulierten Drehtag auf der Uhr hatten, für den Kunde und Agentur nicht zahlen wollten. Ich war als Executive nicht vor Ort und hab mir deshalb von der Serviceproduktion eine Einschätzung schreiben lassen dazu, wie es zu diesem weiteren Drehtag gekommen ist. Anstatt jetzt aber vor Ort erstmal für Ruhe zu sorgen und das so pragmatisch wie möglich zu Ende zu bringen, war ich so aufgebracht, daß ich den Bericht der Serviceproduktion gleich einszueins dem Agenturchef weitergeleitet habe; der, auch offenbar ein Freund des Dramas, war genau so pfiffig wie ich und hat sie postwendend seinen Leuten am Set weitergleitet: Und KA-BOOOOM. Das Drama am Set, als die Agentur der Serviceproduktion deren Protokoll der Ereignisse vorgelesen hat, hätte beinahe zu NOCH einem zusätzlichen Drehtag geführt.

Mal ganz abgesehen von der grundsätzlichen, emotionalen Beschaffenheit der meisten Mitspieler, für die man meist wenig kann, gibt es aber tatsächlich auch ein paar Techniken, die man sich mit jahrzehntelanger Übung draufschaffen kann, zum Beispiel:

Verschieben. Das wäre die beste Anti-Drama-Strategie bei meinem Südafrika-Beispiel gewesen. „Let’s cross this bridge when we get there.” Es muß nicht immer alles sofort entschieden werden. Vieles schon, eigentlich das meiste, aber eben einiges auch nicht.

Deflaten. „It’s just adverstisng, honey”. Ist das wirklich so wichtig? Wofür? Für mein Ego? Für meinen ganz speziellen Platz in dieser Produktion? In der Nahrungskette? Im Universum gar?

OPP = Other people’s problem. Vielleicht ist es gar nicht dein Problem? Check das doch nochmal, bevor du so richtig mit Schwung einsteigst.

Who’s in charge here? Drama entsteht oft in einer uns allen nur zu bekannten Umgebung, in der Verantwortlichkeiten, Zuständigkeiten, letztlich Authorität & Entscheidungstrukturen zu undurchsichtig verteilt sind. Weil alles projektbasiert ist. Weil wir alle ja fresh und funky und per DU miteinander sind.

Drama ist in solchen Umgebungen oft eine Art Hilfeschrei um jemanden herbeizurufen, IRGENDWEN, der doch bitte bitte eine Lösung für das Deadlock herbeiführen möge, das dabei zu oft entsteht. Statt des Dramas wären natürlich klare Strukturen und eine für alle offensichtliche und nachvollziehbare chain of command hilfreich – boring, undramatisch, aber wirkungsvoller.

Weitere Anti-Drama-Strategien gern in die Kommentare!

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