funky funky: Sozialabgaben

Eine Kölner Freundin hat es gewagt, einem Berliner Copyshop Mitarbeiter, der sie auf die übliche miese Berliner Muffeltour behandelte, zu sagen: „Hömma, du bist hier im Service, Liebschen!“ Ergebnis: Hausverbot im Copyshop.

Ich bin zu hundert Prozent auf Seiten des Rheinlandes in dieser Sache, zumal die Sozialstandards für Copyshopmitarbeiter in Köln und Berlin grob dieselben sein sollten. Das basic mindset der durchschnittlichen Berliner Service Fachkraft scheint aber immer noch zu sein: „Wenn ich mich schon zwingen lasse, diesen Job zu machen, dann laß ich wenigstens meine schlechte Laune gegenüber allem & jedem raushängen.“ Aber das sind ja nur kulturelle Oberflächenphänomene einer im Grunde genommen sehr durchregulierten und komfortablen Arbeitswelt, ripples auf einem Ozean des Kommoden, zumal in unserer Branche (Ja ich weiß, nicht immer und nicht für alle, lest trotzdem gern mal weiter…). Aber wie sieht das so aus, wenn wir unsere Jobs ins Ausland tragen?

Traditionellerweise kostet Production Service in Portugal rund 10-15% weniger als in Barcelona. Warum?  Neulich sagte ein Producer aus Barcelona, den ich fragte, was denn derselbe Film seiner Meinung nach in Lissabon kosten würde: „Nimm einfach mein Budget und zieh die Sozialabgaben ab*.“

Und tatsächlich, das kommt ganz gut hin. In Spanien sind die Preise hochgegangen vor ein paar Jahren, als die Spanischen Serviceproduktionsfirmen zähneknirschend angefangen haben, wegen neuer gesetzlicher Auflagen auch Sozialabgaben zu bezahlen und an uns weiter zu berechnen. Als dann ihre Kunden – wir – verstärkt nach Portugal abgewandert sind, weil da die Preise noch niedriger waren (read: keine Sozialabgaben gezahlt wurden), haben einige von ihnen Offices in Lissabon aufgemacht, damit sie von dieser Abwanderung profitieren konnten. Ist damit die Service Industrie in Spanien den Bach runtergegangen?

Ratet mal warum keiner von uns jemals freiwillig in Frankreich dreht:

  1. Weil’s da so häßlich ist?
  2. Weil die Franzosen keinen Geschmack haben?
  3. Weil es keine Business Infrastruktur gibt?
  4. Weil das viel zu weit weg ist?

Nö, nö, nö & nö. Die Antwort findet sich –  wie übrigens alle wichtigen Antworten – in Excel. Schaut mal auf diese Formel, die ich jüngst noch in einem Kostenvoranschlag aus Frankreich gefunden habe, um die Sozialabgaben zu berechnen: =(SUMBN4-BN19)*65%. FÜNF-UND-SECHZIG Prozent Sozialabgaben! Das ist schlicht prohibitiv teuer für ein Business, dessen Kosten zu einem massiven Teil aus Personalkosten bestehen. Will sagen: In Frankreich dreht keiner, weil die Sozialabgaben, und damit die Personalkosten insgesamt zu hoch sind.

Deutlicher ist der umgekehrte Effekt natürlich noch im ehemaligen Ostblock: unser Business ist ein sehr personalintensives Business, während die verwendete Technik überall gleich und damit auch tendenziell gleich teuer ist. In den 90ern sind wir nach Budapest und Prag gegangen. Als deren Preise irgendwann keinen Vorteil mehr gegenüber einer Produktion zuhause geboten haben – circa 2010?? – sind wir kollektiv weitergezogen Richtung Osten nach Rumänien in die Baltics… vor der verfluchten russischen Invasion in das top notch Serviceland Ukraine haben alle angefangen, ihre Fühler nach Kasachstan und Georgien auszustrecken. Warum wohl? Weil’s da so tolle Locations gibt? Bestimmt auch. Aber vor allem wegen der günstigen Manpower natürlich.

Wenn, random example, der Oberbeleuchter in Bukarest mit 180 Euro ohne weitere Sozialabgaben nicht mal ein Drittel von dem verdient, was sein deutsches Pendant bekommt, dann kann man sich unschwer ausrechnen was das für eine Ersparnis bedeutet im Gesamtbudget: Ein Drittel Personalkosten, da kommen pro Drehtag schnell ein paar zehntausend Euro zusammen, was schlicht bedeutet: wenn es keinen Grund gibt, NICHT in Rumänien zu drehen (wie: „Wir wollen mediterrane Locations“), dann dreht man in Rumänien. Oder in Vilnius. Oder Ljubljana.

Aber.

Aber fühlt sich das nicht irgendwie Scheiße an, wenn man seinen Kunden, unter ihnen Milliardenkonzerne mit Milliarden Jahresgewinnen, regelmäßig Dienstleistungen hinterherwirft, deren Realisierbarkeit zu einem entscheidenden Teil beruht auf Billigstarbeit und auf nicht bezahlten Sozialabgaben, die die Leute aus ihren eh schon mageren Salären mal schön selbst bestreiten können?

Keine Sorge, hier kommen ein paar Ausreden:

Man muß da kein Sozialist sein und gleich „Ausbeutung“ trompeten – die gezahlten Rates sind für die Locals immer noch attraktiv im Vergleich zu den sonst erzielbaren Einnahmen im Land.

Unsere Kunden machen ja dasselbe wenn sie beispielsweise Ihre Luxuskarossen im Osten zusammenschrauben lassen anstatt im Lohnhochland Deutschland.

Unsere Konkurrenz wird es genau so anbieten, wenn wir’s nicht machen. Es kriegt schlicht derjenige den Job, der’s zu diesen Konditionen anbietet, hilft also keinem, wenn wir’s nicht machen, gemacht wird es trotzdem.

Kurz: wir können uns nicht leisten, andere Standards zu bezahlen als Kunden oder Mitbewerber.

Niemand will crazy aufgeblasene Sozialsysteme wie in Frankreich subventionieren, das finde ich komplett nachvollziehbar.

Niemand will eine überregulierte, overstaffte und als unerbetene Dreingabe eine von der eigenen Überlegenheit grundlos überzeugte Produktionslandschaft wie in den USA finanzieren müssen, deren Drehtage schnell das Doppelte kosten wie bei uns, ohne daß man das Gefühl hätte, daß man dafür irgendeine handfeste Mehrleistung bekäme („Arri Alexa? Wow! Wait, where did you get that great piece of technology from?“). Auch das komplett nachvollziehbar.

Dafür wäre ja vielleicht mal die EU ganz nützlich, die regulieren doch sonst auch jeden Furz & Feuerstein, warum eigentlich regelt die EU nicht, daß die Arbeitsnebenkosten gewissen Mindeststandards genügen müssen, damit nicht jeder rumänische Griphelfer die Rentenabgaben aus seinen 80 Euro Tagesgage bestreiten muß? Schon da werden einige schreien „THE HORROR, THE HORROR“, um mal Colonel Kurtz zu zitieren, auch der ja gewissermaßen nur ein Producer auf einem sehr schwierigen Servicejob, aber würd‘s wirklich wen umbringen? Anders als durch Regulation läßt sich da sicher nix ändern, siehe die validen Ausreden oben.

Fragte man die Kunden, dann würden die sich hinter ihren 300-seitigen Lieferverträgen verstecken (Producer-Faustregel: je größer der Konzern, desto länger & unverschämter die Lieferverträge), in denen sie sicherstellen, daß sie zu hundert Prozent sauber da raus kommen. Wir garantieren denen natürlich jedes Mal, daß wir sämtliche gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsstandards einhalten, die lokal gültigen, wohlgemerkt, und für jeden Verstoß selbst gradestehen und haften. Und das nicht, weil sie das wirklich interessiert, sondern damit ihnen keiner an den Karren fahren kann.

Pheeew, fünf tiptop Ausreden! Aber wie ein befreundeter Producer gern zu jeder passenden Gelegenheit sagt: „Excuses are like assholes. Everybody’s got one, and they all stink“. Ja, da stehn wir jetzt mit unserem kurzen Hemd und wissen nicht weiter. Ihr etwa? Sachdienliche Hinweise bitte gern in die Kommentarspalte.

*Sozialabgaben: Vom Arbeitgeber zu zahlende Lohnnebenleistungen für Rente, Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung etc. https://www.hellogetsafe.com/de-de/posts/sozialabgaben-was-ist-das-und-wofuer-bezahle-ich-da-eigentlich

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